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Dort und anderswo

Es sind vornehmlich Reise-Essays, die, versammelt in diesem Buch, die Leser in andere Länder entführen. Essays über Besuche in den Katalanischen Ländern ebenso wie in den USA, in Spanien, Norditalien, der Tschechischen Republik und in Kärnten. Manche der Texte handeln von literarischen Werken und Schriftstellern, denn Schreiben und Bücher standen immer schon im Interesse Schreibender.

Der einführende Essay »Ortswechsel« evoziert gedachte und tatsächliche Reisen eines Schriftstellers, es ist gewissermaßen ein Text über die unbändige Lust, andere Sprachen und Kulturen kennenzulernen. In diesem Sinne ist auch der Buchtitel zu verstehen, der kein bestimmtes Ziel angeben möchte, doch implizit eine vages Fortschweifen anspricht, von dem dieses Buch in seinen zwanzig Essays erzählt.


Ortswechsel

Fallen mir diese Zeilen unterwegs ein, während ich als Reisender in einem Zugabteil oder besser in einem Großraumwagen sitze, dann zählt nur mehr das Herausfischen von Notizblock und Stift oder gleich des Notebooks, für dessen Netzteil heute jeder Waggon eine Steckdose bietet. Orte werden in diesem Augenblick nebensächlich. Es spielt keine Rolle mehr, ob ich von St. Pölten nach Wien zurückfahre oder irgendwo zwischen Mataró und Andorra-la-Vella von einer Lesung zur nächsten eile – mein Abteil mutet wie eine Art Nirgendwo zwischen den Orten an. Zugegeben: Noch lieber befände ich mich auf einer der wirklich berühmten Strecken, vielleicht im ehemaligen Orient-Express von Istanbul nach Paris. Das ist Eisenbahngeschichte und spätestens seit Graham Greene und Agatha Christie auch Literaturgeschichte: eine Strecke, die Orte verbindet, deren Bewohner in den letzten hundert Jahren zumeist gar nichts voneinander wissen wollten; Ablehnung wuchs sich gar in Kriege aus, die es zustande brachten, ganze Ortschaften von der Landkarte verschwinden zu lassen. Wie gern setzte ich mich da auf einen Papierflieger und zöge – von allen unbemerkt – die Landstriche nach, deren Menschen, ihre Vorstellungen, ihr Lachen und ihre Schrulligkeiten, für immer verloren sind. Oder ich stiege in Michel Butors D-Zug von Paris nach Rom und liefe, je näher ich dem Ziel käme, immer weiter zurück.

Auf Orte fällt mir stets Worte ein. Weil ich den Besuch eines anderen Ortes oft in Worte kleide, denn ohne Worte wüsste ich das Gefühl, das ich dort, wo ich bin, empfinde, nicht zu beschreiben. Haben Orte also etwas mit Schreiben zu tun? Für manche Menschen, zu denen ich mich zweifelsohne zähle, ganz gewiss. Was wäre die Literatur schließlich ohne die sowjetischen und afrikanischen Reiseaufzeichnungen eines André Gide, ohne die feinfühligen Erfahrungsberichte von Josep Pla und ohne Karl-Markus Gauß' Reportagen über allmählich verschwindende Volksgruppen? Reisen und Schreiben üben eine wechselseitige Anziehung aus; davon zeugen Reisestipendien, Städte- und Inselschreiber und eine ganze Literatursparte, die der dehnbare Begriff der Reiseliteratur zusammenfasst.

Ein Text über Orte gerät anscheinend ohne jedes Zutun zu einem Text über Reisen. Zwar ist es möglich, sein Denken auf einen einzigen Ort zu beschränken, unter Umständen sogar ein ganzes Leben lang – wenn sich nie eine Gelegenheit oder Notwendigkeit bietet, den Heimatort zu verlassen –, doch im Grunde ist es die Möglichkeit, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, die unsere Phantasie anspornt. Orte sehen, Orte besuchen, Orte erleben … setzen einen Ortswechsel voraus. Sich woandershin zu begeben kann aufwändig sein und mit Mühen verbunden. Denn mancher Ort ist weit. Weit von wo? fällt einem da unmittelbar ein, jene Frage, die von den Meistverfolgten der Menschheitsgeschichte zur Zeit der Shoah geprägt wurde, eine Formulierung, die, nicht ohne eine gewisse Ironie gebraucht, ihren Weg in die Literatur und in unsere Geschichtsbücher fand – in jene Schriftwerke also, die von jeher Orte mit Geschehnissen verknüpfen.

Als weit von jeder Zivilisation empfand man in früheren Jahrhunderten das Pyrenäenland Andorra. Trotz seiner geringen Ausdehnung und einer Bevölkerung, die erst Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts über die sechstausend hinauswuchs – auf heute mehr als achtzigtausend Einwohner –, entstand in und um Andorra eine lebhafte Reiseliteratur, geschrieben von französischen und englischen Weltenbummlern, katalanischen Wanderern und so manchem Abenteurer, den es in diese abgelegene Bergwelt verschlug. Als ich das Kondominat vor ein paar Jahren besuchte, zog ich durch die wenigen Hauptorte und sammelte Eindrücke, die sich alsbald zu einem kulturhistorischen Essay verdichten sollten. Aber der andorranische Romancier Joan Peruga setzte der Reiseliteratur seiner Heimat mit dem Buch La república invisible (Die unsichtbare Republik) ein wahrhaft schillerndes Denkmal. Es erzählt von der Suche zweier Menschen nach einem verschollenen Manuskript und lässt den Leser dabei in die Wirklichkeit andorranischer Gesellschaft und Geschichte eintauchen.

Reisen: andere Gegenden besuchen, andere Länder, andere Menschen und Kulturen. Aber: Reisen wird seltener. Denn heutzutage müssen die meisten schauen, wie sie mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Geld ihr tägliches Leben bestreiten. Da bleibt fürs Reisen kaum mehr etwas übrig, und der Papierflieger, den ich mir vorstelle, taugt höchstens zum Nachblicken und Träumen. Was also tun?

Zuflucht zu erträumten Welten nehmen ist ein oft gewählter Ausweg. Dass des Lesers Interesse an erfundenen Orten und nicht zuletzt am Genre der Fantasy-Literatur wächst, mag mit der mangelnden Gelegenheit zusammenhängen, sich selbst auf Reisen zu begeben, aber auch mit jener Informationsflut, die durch Radio, Fernsehen und nicht zuletzt das Internet Einzug in so gut wie jeden Haushalt gefunden hat. Von einem Ort wegzuschauen und sein Augenmerk auf Orte zu richten, die lediglich im Kopf eines Schriftstellers existieren, mag man als Flucht nach vorn bezeichnen. Denn gleichzeitig findet eine innere Emigration statt; eine Flucht also, die sich bloß innerlich zeigt, während nach außen hin der Schein der Normalität gewahrt wird. Für Nikolaus Lenau oder Erich Kästner war dies auch eine Frage des Überlebens. Doch darum geht es heute nicht mehr – zumindest in Europa. Die innere Emigration bezeichnet höchstens eine Flucht aus dem Alltag, ein Fort vom zermürbenden Druck einer sich selbst persiflierenden Arbeitswelt. Erfundene Orte sind also, vielleicht, das Atout im Ärmel der Literatur.

Wird ein Ort, wie Tomis, zum Synonym einer lebenslangen Verbannung, steht keineswegs mehr das Kennenlernen im Vordergrund oder das Interesse am Neuen, sondern Trauer über den Verlust. Ovid versuchte den Bannspruch mit Gedichten aufzuheben, doch wie jeder Lateinschüler erfährt, misslang ihm das; die Stadt am Schwarzen Meer heißt heute Constan?a, und an den römischen Dichter erinnert bloß ein Denkmal. Diese schwermütige Geschichte berührte Christoph Ransmayr so sehr, dass er sie zur Grundlage seines Romans Die letzte Welt erkor.

Ein freiwilliger und sehr ambitionierter Reisender, der viele Orte schreibend festhielt, war wohl Valery Larbaud, jener französische Bonvivant und Gide-Freund, der aufgrund eines beträchtlichen Vermögens zeitlebens nicht einmal einen Gedanken an erwerbsmäßige Arbeit verschwenden musste. Den Großteil des Jahres über fuhr er in der Welt herum, die damals, am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, einem Globetrotter wie ihm wohl noch das eine oder andere veritable Abenteuer bot. Aber vielleicht geht es gar nicht ums Abenteuer. In einem Gedicht über den Fluchtpunkt, der uns bleibt, schreibt die galicische, aber in Frankreich lebende Lyrikerin Fátima Rodríguez: »nada xa que defina/as lindes do territorio da cor« – »nichts mehr definierte/die Grenzen aus dem Land der Farbe«. Wir hatten einander vor fast dreißig Jahren kennengelernt und dann für lange Zeit aus den Augen verloren. Die Orte unseres Lebens sind nämlich nicht identisch. Lese ich indes die Zeilen ihrer poetischen Oblivionalia, dann zweifle ich keine Sekunde daran, dass sie meine Metapher des Papierfliegers augenblicklich verstünde und ihre Hände zu einem Halbkreis formte, um ihn aufzufangen.

Eine ganz andere Art von Orten finden wir im Internet. Jedem ist zwar klar, dass sich die immensen Informationen des elektronischen Kosmos auf Servern in allen Ländern unseres Planeten anhäufen, doch insbesondere denke ich nun an das grenzübergreifende Projekt der Wikipedia-Enzyklopädie, das es geschafft hat, Menschen vieler unterschiedlicher Kulturen für ein gemeinsames Vorhaben zu begeistern. Inzwischen gibt es Wikipedia in über zweihundertsiebzig Sprachen, und jährlich werden es mehr. Niemanden wird verwundern, dass die englische Enzyklopädie die meisten Einträge verzeichnet, doch an zweiter und dritter Stelle befinden sich die deutsche und die französische, wobei ich mich in diesem Fall selbstverständlich auf Sprachen und nicht auf Nationen beziehe. Wie fesselnd es sein kann, in den zahlreichen Artikeln zu stöbern, wo es um Biografien, wissenschaftliche Erkenntnisse, Kultur und eben Orte auf der ganzen Welt geht, versteht jeder, der sich schon einmal eine Nacht um die Ohren geschlagen hat, weil er von dem hinter stets weiterlockenden Hyperlinks lauernden Wissen nicht genug kriegen konnte. Ein ganz besonderes Forum bietet das Wikipedia-Projekt den kleinen und zumal auch diskriminierten Sprachen und Kulturen und sogar Dialekten. So finden sich Enzyklopädien in Katalanisch, Korsisch und Kymrisch, in Nepali, Nahuatl und Nauruisch, in Piemontesisch, Plattdeutsch und Papiamentu. Für Nostalgiker gibt es den Wissensspeicher sogar auf Lateinisch, Gotisch und Sanskrit. Während viele Artikel mehr oder weniger in andere Sprachen übersetzt werden, wartet jede Sprache mit Besonderheiten auf, beschreibt Gegenden, Personen, Bücher oder Kuriositäten, die nur in einer bestimmten Kultur bekannt sind. Ortskundige – damit bezeichne ich Wikipedia-Benutzer, die sich in mehreren Sprachen bewegen – nehmen diese Besonderheiten zumeist auf und tragen sie in andere Welten. So wie Insekten eine Vielzahl von Pflanzen durch ihre Besuche bestäuben, befruchten diese Benutzer andere Standorte der Enzyklopädie und tragen auf diese Weise zu einem regen kulturellen Austausch bei.

Nirgendwo nannte Marianne Fritz den zentralen Ort ihres dreitausendseitigen Romans Dessen Sprache du nicht verstehst. Dieses Nirgendwo, Sinnbild der untergehenden Habsburgermonarchie, macht am Ende seinem Namen alle Ehre, indem es verschwindet. Gleichzeitig ist Nirgendwo allgegenwärtig, im konkreten wie im übertragenen Sinn. Ein Ort, der alle anderen Orte in sich vereint, erreichbar und begreifbar macht. Mögen auch Wien, Paris, Barcelona nicht nirgendwo sein – während meiner Bahnfahrt, mit angestecktem Notebook und drahtloser Internetverbindung, finde ich diese in meinem Leben bedeutsamen Orte mit Wikipedia zumindest irgendwo. Mein imaginärer Papierflieger nimmt indessen wieder Fahrt auf, um seinen Überflug fortzusetzen, von den inneren Emigrationsgestaden über instruktive Web-Lokationen hin zu den Plätzen, die wir kennen oder auch nicht kennen, überall und nirgendwo. Denn im Gegensatz zu uns ist er niemals ortsgebunden.


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