Fels im Ozean

Impressionen aus Korsika

Zu Fuß, von der Piste zum Flughafengebäude, hatte man mich noch nie geschickt, aber es ist auch das erste Mal, dass ich einen Flughafen für Chartermaschinen sehe, auf dessen Parkstreifen höchstens fünf Fokker oder DC-9 nebeneinander Platz finden. Der Flughafen von Calvi liegt an den Berghängen, ein kurzes Stück hinter dem Küstenstreifen mit seinen Stränden und Hotels. Beim Planschen im Meerwasser kann man den Fliegern beim Aufsteigen und Landen zusehen, ein wunderbares Spektakel für die Kinder. Die Küsten gehören ganz allgemein dem Tourismus, obwohl das Land wenig erschlossen scheint, die Strände kaum organisiert sind und zu meiner Überraschung auf der ganzen Insel lediglich 180 km Eisenbahnnetz existieren, das ist eine (einspurige) Linie von Calvi nach Bastia und von dort hinunter zur größten Stadt Ajacciu (und in den Sechziger Jahren wollten die Franzosen sogar diese eine Linie schließen, was jedoch am wütenden Protest der korsischen Bevölkerung scheiterte). Gleich bei der Fahrt zum Feriendorf stoße ich auf ein Mysterium, das mich noch wochenlang begleiten wird, auf die ungewöhnliche Aussprache der Ortsnamen: Da gibt es zwar eigene korsische Bezeichnungen, doch tauchen diese fast nur in folkloristischem Umfeld auf; und die offiziellen – und tatsächlich verwendeten – französischen Ortsnamen sind eigentlich italienisch, aber mit einer französischen Aussprache versehen.

Das Feriendorf ist fest in der Hand des Vorarlberger Alpenvereins und wie wir gleich am ersten Tag hören, ist der Club Autrichien für seine Bergtouren bekannt: Wer auf Korsika bergsteigen will, geht, zumindest im Norden der Insel, zu den Österreichern! Korsika dürfte aber auch ein beliebtes Ferienziel für Italiener sein und die Gründe dafür sind einfach zu durchschauen; einer davon ist, dass die korsische Sprache dem Italienischen so sehr gleicht, dass eine Kommunikation über die beiden Idiome hinweg wohl kein Problem darstellt. Was natürlich nichts daran ändert, dass viele Korsen, die im Fremdenverkehr arbeiten, auch Italienisch gelernt haben. Überhaupt packt mich vom ersten Tag an das Interesse für diese Sprache, von der eine Menge Gerüchte im Umlauf sind, eine Sprache, die auf der Straße kaum zu hören ist (bestenfalls von älteren Ladenbesitzern der Altstadt oder im Landesinneren), die aber im korsischen Chanson (Canzone) verwendet wird, welches ein paar interessante Vertreter hervorbrachte, wie etwa die Gruppe I Muvrini oder jene Sänger, welche sich der auf der Insel so typischen Polyphonie annehmen, das ist ein mehrstimmiger Gesang, der oft nur von wenigen oder gar keinen Instrumenten begleitet wird. Gleich dreimal erlebe ich ein korsisches Konzert, deren erstes von drei Barden mit Gitarren bestritten wurde. Ihre Gesänge erinnern an vieles, das mir vom katalanischen Chansonnier Lluís Llach bekannt ist. Jetzt verstehe ich erst, was dieser meint, wenn er vom gemeinsamen mediterranen Erbe spricht. Die Worte gingen leider im Chor und in der mittelmäßigen Akustik der Fe­rien­dorfbühne unter – so waren lediglich einzelne Fetzen zu verstehen, die Ähnlichkeit zum Italienischen immerzu frappant.

Das Korsische als eigenständige Sprache zu definieren, erläutert die Linguistikprofessorin der Universität in Corti, Marie-Josée Dalbera-Stefanaggi, sei mehr eine politische Aussage. Von der Wissenschaft werde Korsisch nicht als eigenständige Sprache anerkannt, weil es niemals Normierungsbestrebungen, Grammatiken und umfassende Wörterbücher gegeben hat, und tatsächlich sieht das Idiom, das ebenso wie Italienisch auf dem Toskanischen des 14. Jahrhunderts basiert, wie ein italienischer Dialekt aus, beruhend auf der Geschichte, in der Korsika politisch fast sieben Jahrhunderte lang zuerst zu Pisa und dann zu Genua gehörte. Typisch für die aktuelle Sprachdiskussion sei etwa der Streit um die korsischen Nasallaute:  Während die einen behaupten, diese seien auf den Kontakt mit dem Französischen zurückzuführen, halten andere sie für ein ursprünglich korsisches Phänomen; und tatsächlich sind auch mir italienische Dialekte mit Nasalen bekannt (zum Beispiel das Neapolitanische). Die Professorin versichert mir, dass sich in der Tat erst seit der Zugehörigkeit zu Frankreich (ab Mitte des 18. Jahrhunderts) durch die Berührung mit dem Französischen so etwas wie eine eigene Sprache entfalte, die wohl, wenn diese Entwicklung nicht aus irgendeinem Grund abbricht, eines Tages vollständig als eigene romanische Sprache anerkannt werden wird.  (Indes fällt mir beim Stadtbummel und in den Geschäften auf, dass kein einziges korsisches Buch erhältlich ist, und die Presse bietet lediglich ein paar Kolumnen oder ausgewählte Artikel auf Korsisch, während alle anderen Texte in den Gazetten und Magazinen französisch sind.)

Auf Korsika leben ungefähr 250.000 Menschen; außerdem wählten aber etwa 100.000 Korsen das französische Festland als Heimstatt (und Exil). Die Durchschnittsmeereshöhe der Insel liegt auf über 500 Meter, was erklärt, warum viele das Eiland den Fels im Ozean nennen. Aus Korsikas Vorgeschichte ist nur wenig bekannt, erst mit der griechischen und dann römischen Besiedelung geriet die Insel ins europäische Bewusstsein. Von den Arabern bekriegt, aber nie vollständig erobert, setzte sich im 11. Jahrhundert Pisa auf Korsika fest, das dreihundert Jahre später von der genuesischen See- und Handelsmacht abgelöst wurde. Als dann Genuas Macht verblasste, erklärte sich Korsika 1755 unter Pasquale Paoli für unabhängig. 1768 verkaufte jedoch das bankrotte Genua die Insel an Frankreich. Paoli stellte ein Heer auf, aber Frankreich schickte die damals zahlenstärkste Armee Europas in den Kampf. Erste Erfolge gab es zwar für die Korsen, doch dann erfolgte 1769 die Entscheidungsschlacht in Ponte Novu. aus der die Franzosen siegreich hervorgingen, und Pasquale Paoli begab sich ins Exil nach England. Seit Ponte Novu gehört das Land zu Frankreich, mit einem kurzen Intermezzo als angelsächsischer Vasallenstaat in der französischen Revolutionszeit, von 1794 bis 96. Fast alle der größeren Städte liegen an der Küste, nur Corti, Paolis Hauptstadt und heute Universitätssitz, befindet sich im Landesinneren, im nördlichen der beiden Départements.

In Frankreich scheinen die Korsen ein Image des Kriminellen zu haben. Das mag einerseits mit dem berüchtigten Armenhaus zusammenhängen (das Bruttosozialprodukt ist in Korsika deutlich niedriger als auf dem französischen Festland), andererseits werden sogar in den hiesigen Buchläden eigene Reihen »korsischer Krimis« verkauft, und mit großem Erfolg, wie ich beobachte. Dass die korsische Variante eines Kriminalromans wohl kaum etwas am Genre ändern oder gar verbessern mag, ist die eine Seite; die andere ist, dass ein solches Image traurig stimmt und mich beinah verlegen vom Buchregal wegschauen lässt, denn es mutet schmerzlich an, wenn sich ein Volk das Image, durch und durch kriminell zu sein, gefallen lässt oder gefallen lassen muss (und dabei fällt auf, dass auch den Tschetschenen in Russland, den Kurden in der Türkei, den Albanern in Serbien und den Roma in vielen Ländern Europas gern das Etikett des Verbrecherischen zugedacht wird). Die korsischen Terroranschläge, die seit den Siebziger Jahren immer wieder die Öffentlichkeit beschäftigen, haben bestenfalls indirekt damit zu tun: Die Attentate richten sich gegen die politische Arroganz Frankreichs gegenüber den Korsen, die Wirtschaftsmisere und die vergleichbar schlechte Infrastruktur der Insel sowie gegen das langjährige Verbot, Korsisch an den Schulen zu unterrichten. Heute besitzt Korsika eine relative Autonomie, die korsische Sprache wird an Schulen und Universität gelehrt und man investiert in die Infrastruktur, was zu einem guten Teil dem Einkommen aus dem Tourismus zu verdanken ist.

Auf einer eintägigen Busfahrt durch die Orte der Balagna (so heißt der Landstrich rund um Calvi) entdecke ich geradezu unberührt wirkende Dörfer, eselbetriebene Ölpressen und die einen Großteil der Insel bedeckende Vegetation, die Macchia, in der eine Vielzahl von Sträuchern und dornigen Büschen wächst. Wo auch graue, blattlose Äste herausragen, hat es vor ein paar Jahren gebrannt, erklärt die Reiseleiterin, und bald ist zu verstehen, warum die allsommerlichen Feuersbrünste eines der größten Probleme Korsikas darstellen. Drei Viertel aller verbrannten Böden Frankreichs befinden sich in Korsika und man hat errechnet, dass, falls die Brände weiterhin mit derselben Frequenz und Intensität auftreten (und gelegt werden!), die Insel in fünfunddreißig Jahren keine Wälder mehr besitzen wird. Auf Korsika stehen Olivenbäume, die bis zu tausend Jahre alt sind; nach einem Feuer sind diese Haine für immer verloren. Das Olivenöl wurde lange Zeit exportiert, heute produzieren die Korsen indes nur mehr für den Eigenbedarf.

Früher kam dem Wein die größte wirtschaftliche Bedeutung zu, doch die Reblauskatastrophe des 19. Jahrhunderts raffte nahezu den gesamten Weinanbau der Insel dahin und danach wurden Oliven- und Kastanienbäume noch intensiver gepflanzt als zuvor. Aus den zahlreichen Kastanien machten die Menschen Mehl, als Basis für Brot und Süßspeisen, ein Grundnahrungsmittel also vor allem für die ärmere Bevölkerung. Kastanienmehl und daraus hergestellte Speisen gibt es noch heute zu kaufen, denn inzwischen gelten sie als ein Spezifikum Korsikas.

Auf einer Bergkuppe besuchen wir Sant' Antuninu. Warum dieses Dorf als einer der schönsten Orte Frankreichs gilt, wie ein Schild an der Ortseinfahrt stolz verkündet, verstehe ich angesichts der rudimentär in den Fels gehauenen Stufen und der baufälligen Häuser zwar nicht, aber der Blick, der rund um das gesamte Dorf über die Berglandschaft und das etwas entfernt liegende Meer reicht, lohnt sich allemal. Die nächste Station ist Pigna, ein weithin bekannter Ort des Kunsthandwerks. Auf dem Weg begegnen uns wiederholt kleine, üblicherweise eingezäunte Gebäude, die ländlichen Kapellen ähneln; indes handelt es sich um Familiengräber, die am Straßenrand oder innerhalb eines Privatgrundstückes stehen. Den Korsen ist es gestattet, ihre Toten auf eigenem Grund zu bestatten, was bis über die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts auch praktiziert wurde. Die Gräber, mitunter regelrechte Mausoleen, bestehen aus mannshohen Steinbauten, denn die Särge werden nicht wie bei uns in die Erde versenkt, sondern in Nischen gestellt, welche die Korsen nach der Bestattung zumauern. Vor oder auf den Gräbern befinden sich steinerne und metallene Plaketten, aus Marmor fassonierte Bücher und Schleifen: Trauerbekundungen, letzte Grußbotschaften der Lebenden an die Verblichenen.

Am 15. August wird auf der ganzen Insel Napoleons Geburtstag gefeiert. Calvi (vermutlich wie jede andere große Küstenstadt) bietet dazu ein nächtliches Lichterspektakel, in das die Häuser der gesamten Stadt einbezogen werden. Die Musik der großflächigen Lichtorgel dröhnt so laut über das Meer, dass sie in der gesamten Bucht erklingt und die Bungalows der Feriendörfer erbeben lässt. Die auf einer Anhöhe gebaute Zitadelle von Calvi beherbergt das ganze Jahr über Maler und Musiker, bietet Konzerte und Ausstellungen auch auf der Straße, während unterhalb der Festungsmauern die verwinkelten Gassen der »Unterstadt« mit Läden, Märkten und Eislokalen aufwarten. Und sogar die Präsenz der Fremdenlegion wird den Touristen jeden Tag in Erinnerung gerufen, wenn nämlich die in der Bucht von Calvi stationierte Eliteeinheit der Paras ihre Übungssprünge zu den Badenden ins Meer absolviert. Auch als der Bus zum Flughafen zurückfährt, grüßt der Chauffeur per Hupsignal die in der Nähe stehenden Mannschaftswagen, deren Soldaten darauf warten, in den nächsten Hubschrauber zu steigen.

(in: Literatur und Kritik, Salzburg 2006 und im Essayband Dort und anderswo, Wels 2011)