bodenständig

Keineswegs ergehe ich mich in Anschuldigungen, denn auch in meiner Jugend gab es Religionsunterricht, wie bei jedem Kind dieses Landes, und ich vermag nicht zu sagen, dass ich damals Schaden davongetragen hätte, nein, wir hatten ein lieben Lehrer, einen Pfarrer, und ich kann mich sogar erinnern, einmal der Klassenbeste gewesen zu sein, weil ich ein Krippenbildchen so schön ausgemalt hatte, ja, diese Erfahrungen prägen einen schon und so käme mir niemals in den Sinn, das ehrliche Bemühen der Gläubigen und den großartigen Inhalt der Lehre in Frage zu stellen, ich weiß ja auch, wie das alles lief,und natürlich geht es um Tatsachen, wenn von einer Kanzel zu hören ist, dass es die Juden waren, die den Heiland zuerst verraten und dann ans Messer geliefert hätten, da sieht man doch wieder das wahrhaft Böse, hat uns der Pfarrer-Lehrer schon damals erklärt, aber das spielt ja heute sowieso keine Rolle mehr, denn jetzt sind sie ja weg, die Juden, aber das hat selbstverständlich nichts damit zu tun, denn der Urgroßvater, der hat noch für den Kaiser gekämpft, und vor allem nach dem großen Krieg, wo man uns alles weggenommen hat, die Kornkammern in Böhmen und die Gemüsehaine im Osten, da sei es uns so richtig dreckig gegangen, und erst die Christlichsozialen und dann die Braunhemden und danach die braven Menschen der Zweiten Republik (und irgendwie sei das sowieso alles dasselbe, sagte der Großvater in seinem geheimnisvoll-mystischen Gehabe) hätten versucht, mit der Misere aufzuräumen, und manche wären da eben im Weg gestanden, also das heißt, um wieder auf das Thema zurückzukommen, im Grunde ist es doch das Evangelium, das unser Land und seine Kultur geprägt hat, man denke doch nur an den Barock, an diese wunderbaren Errungenschaften der Kunst und der Architektur, ja und die Kirche ist schon ein wichtiger Faktor in diesem Land, schließlich braucht man eine gewisse Führung, nicht wahr, und dass Jesus selbst Jude war, der in einer jüdischen Welt lebte und jüdischen Glauben predigte – ja mein Gott, pflegte da der Vater zu sagen.

(in: Auf der Kippe, Arovell Verlag, Gosau 2008)