Der Ruch von Kaffee
Hätte er mir das auf der Straße gesagt, einfach so, zwischen den Passanten, dann wäre ich weitergegangen, ohne ihn überhaupt eines Blickes zu würdigen. Aber es passierte in der Schnellbahn, als ich mit Ina nach Wiener Neustadt fuhr. Wir tratschten seit Minuten und kicherten über die Eskapaden unseres Jungchefs, der jede Woche für spannende Neuigkeiten sorgte. Ein anderer Fahrgast war uns schon mindestens zwanzig Minuten gegenübergesessen; ein älterer Herr, dunkler Anzug, Rollkragenpulli – schickes Outfit, vor allem in seinem Alter. Dass dass er uns jedoch beobachtet hatte, war mir nicht einmal aufgefallen.
Er wandte sich mit einer Entschuldigung an uns, das heißt, mehr an mich, dass er uns unterbreche, und stellte sich als Samy Walder vor. Er sei Kunstmaler und habe sein Atelier in Wien, reise aber gern aufs Land, um sich neue Impressionen zu holen. Er sah mir direkt in die Augen, als er meinte, in Fachkreisen und an der Akademie werde er für seine Aktmalerei geschätzt, und er suche stets nach geeigneten Modellen, nach normalen Menschen, wie er betonte, nicht irgendwelchen aufgetakelten Kosmetikgesichtern oder plastisch modifizierten Hochglanzkörpern, und er fände es schön, wenn auch ich mich mit dem Gedanken anfreundete, ihm für ein Gemälde, und dabei denke er an Öl oder Acryl, Modell zu stehen. Er sagte tatsächlich, er fände es schön, in einer ruhigen, sehr angenehmen Stimme, überhaupt nicht aufdringlich, ganz im Gegenteil, sehr sympathisch und nett, ohne den Eindruck zu erwecken, es unbedingt darauf anzulegen. Dann hielt er uns eine Visitkarte hin, auf der sein Name aufgedruckt war, Samy Walder, und eine Adresse im sechsten Bezirk.
Ina fragte ihn, warum auf der Karte kein Beruf stünde, denn allein mit dem Namen wisse doch niemand, dass er Maler sei. Sie kam mir dabei recht impertinent vor und machte mich verlegen, doch Walder grinste freundlich, räumte ein, dass er natürlich noch nicht mit Berühmtheiten wie Attersee und Lassnig, ganz zu schweigen von Institutionen wie Kokoschka und Schiele, mithalten könne, und erwiderte, es wirke doch zumindest blasiert, wenn die Berufsbezeichnung Maler, Kunstmaler oder gar akademischer Maler die schlichten Lettern seines Namens hochhievte. Im Grunde hatte ich mich bereits entschieden, seinem Wunsch nachzugeben und es einmal auszuprobieren, denn eine solche Gelegenheit bietet sich wohl nicht alle Tage. Indes stellte ich mich unentschlossen und tat, als wollte ich zuerst genauere Erkundigungen einholen, neigte den Kopf etwas zur Seite und äußerte eine gewisse Verwunderung darüber, dass er ausgerechnet mich auswählte. Innerlich schmunzelte ich und vermied es, Ina anzusehen, damit wir nicht beide unweigerlich in Gelächter ausbrachen, doch meiner Erwartung, gleich ein paar der üblichen Floskeln von diesem Mann zu hören, von wegen wahnsinnig attraktiver Frau, abgrundtiefer Augen, und ähnlichen Schwachsinn, begegnete er mit einem ernsten Gesichtsausdruck und bekannte, er sei an Menschlichkeit interessiert und habe das Gefühl, ich besäße eine Menge davon.
Eine Woche später klopfte ich an seine Wohnungstür im sechsten Bezirk und ein diesmal leger gekleideter Walder, mit naturfarbener Hose und dunkelblauem Sweatshirt, öffnete. Richtig galant bat er mich weiter und führte mich gleich im Atelier herum, dessen Zentrum ein riesiger Raum bildete, mit Glasplatten im Plafond, die in den freien Himmel hinausgingen und das ganze Zimmer in helles Licht tauchten. Ich verstand gut, warum ein Kunstmaler ein solches Ambiente bevorzugte, und mutmaßte gleichzeitig, dass Walder mit seinen Bildern ordentlich verdient haben musste, um dieses Atelier bezahlen zu können. An den Wänden lehnten Landschaften, Ölmalereien, die mir nicht besonders aufregend schienen und mich kaum ansprachen. Ganz vereinzelt entdeckte ich Aquarelle von Wiener Innenhöfen, begrünte und belebte Stadtoasen, von denen manche sogar als Gaststätten dienten. Diese Aquarelle besaßen einen gewissen Reiz, doch ich ließ mir nichts anmerken, weil ich die Bilder möglicherweise nur deshalb ansprechend fand, weil ich solche Höfe mochte und gern selbst einen besitzen wollte. Im Grunde vermied ich, etwas über die Werke auszusagen, das mich letzten Endes als Unwissende verriete, versuchte ich doch zumindest als feinsinnig und kunstliebend zu gelten. Nirgendwo stieß ich indes auf Akte, die angebliche Spezialität des Malers.
Zu meiner Überraschung ließ Walder durchblicken, dass ihm daran lag, mich zuerst mit der Umgebung vertraut zu machen und ein wenig von der Vorgangsweise beim Malen eines Aktes zu erzählen, damit ich mir nicht überfahren vorkam, wenn ich plötzlich nackt auf dem Stuhl saß, und dass er natürlich Verständnis dafür habe, falls ich diesen ersten Termin lediglich zum Beschnuppern verwenden wolle und ihm erst an einem anderen Tag Modell stünde. Als er abwartend vor mir stand und mich anlächelte, zögerte ich kurz und meinte knapp, ich hätte mich eigentlich schon an das Atelier gewöhnt, das mir recht angenehm schiene, und wäre gerne bereit, mich gleich heute für ihn auszuziehen. Sofort spürte ich etwas Röte in meinem Gesicht aufsteigen – mich dermaßen in der Formulierung zu vergreifen! –, doch Walder schien die Entgleisung gar nicht zu bemerken, nickte bedächtig, gestand gleich darauf, dass er gehofft hatte, das von mir zu hören. Er zeigte mir einen Kleiderständer in der Ecke und bat mich abzulegen und es mir auf dem lederbespannten Stuhl in der Mitte des Raums bequem zu machen. Vorher jedoch, kündigte er an, wollte er mir eine Tasse Kaffee zubereiten, ich tränke doch Kaffee?, denn er schwor auf das Odeur, wie er sich ausdrückte, des frischen Kaffees, das nicht nur alle Sinne öffnete, sondern einem auch die Freuden eines wunderbaren Aktes so nahe brachte, wie nichts sonst es ermöglichte. Er verschwand in einem der Nebenräume, wo ich die Küche wähnte, und ich verblieb ziemlich verwundert im Atelier. Die nächsten Minuten nutzte ich, um ein wenig herumzustreifen, die wenigen Gemälde an den Wänden aus der Nähe zu betrachten, mit der Hand über die Pinsel und Tuben von Ölfarbe zu streichen und die Textbeschreibung einer Flasche Firnis zu lesen. Als ein anfänglich nahezu unmerklicher, doch immer intensiverer Duft gerösteter Kaffeebohnen den Raum zu füllen begann, begab ich mich zur Kleiderablage, um mein Gewand aufzuhängen. Lediglich den Slip ließ ich vorerst an.
Walder brachte ein kleines Tablett mit einer Schale Kaffee, dessen Aroma einen ungewöhnlich starken Reiz auf mich ausübte, und ein großes Glas Wasser. So etwas gehöre sich einfach, zwinkerte er mir zu, und ohne diesen Geruch habe er nicht die geringste Lust, einen Pinsel auch nur in die Hand zu nehmen. Ich schloss die Lider, um die Eigenheiten des Gebräus gänzlich aufzunehmen, strich den Slip zu Boden, kniete mich auf den Lederstuhl und dreht meinen Körper so, dass ich die Staffelei im Blickfeld behielt. Walder schien es egal, wie ich posierte, er gab keinerlei Anweisungen, korrigierte nichts, ja es störte ihn nicht einmal, dass ich mich nahezu laufend bewegte. Das Haupt des Malers verschwand völlig hinter der Leinwand, nur ab und zu zuckte der Schopf hoch oder die Hand mit dem Pinsel verharrte ein paar Sekunden still und reglos in der Luft. Ob er mich in solchen Momenten insgeheim maß, die Proportionen prüfte und den besten Sichtwinkel erkundete? Ich vermochte es nicht zu sagen. Walder schwieg während der Arbeit, lediglich das Wischen und Kratzen seiner Pinselstriche war zu hören, und der Geruch des Kaffees, der inzwischen erkaltet in meiner Tasse stand, flaute ab und hinterließ ein seltsames Amalgam sinnlicher Erregungen.
So erschrak ich, als der Maler den Pinsel geräuschvoll in eine Holzschachtel warf, auf mich zuschritt, erwähnte, dass er fertig sei, und das Tablett mit der Tasse und dem geleerten Wasserglas in die Küche trug. Verdutzt zog ich mich an, mein Kopf schwirrte, da ich offensichtlich fast eingenickt war, trotz meiner nicht gerade erholsamen Stellungen. Das eben entstandene Gemälde allein zu begutachten wagte ich nicht. Walder war plötzlich vor mir, nickte mir auf eine väterliche Weise zu, wies mit dem Kinn zur Staffelei und meinte, es interessiere mich doch, ich wolle doch sehen, was er aus meinem Anblick gemacht habe. Oder? Ich bejahte und folgte ihm zur Leinwand.
Der Malstil, der sich mir darbot, konnte kaum als figürlich bezeichnet werden, aber auch nicht als abstrakt, er schien mir irgendwo dazwischen zu liegen. Einen Akt hatte ich mir jedenfalls anders vorgestellt, denn das einzige, was ich tatsächlich erkannte, war die Zeichnung eines Herzmuskels, etwas überdimensioniert, aber vorzüglich getroffen, mit den wichtigsten Arterien und Venen, den Kammern und dem rundherum liegenden Gewebe, wie aus einem Lehrbuch für Anatomie. Und dafür wollte er, dass ich ihm Modell stand? Ich war enttäuscht.
Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich, wie Walder mich schweigend anschaute; zwar versuchte ich, mir nichts anmerken zu lassen und hielt seiner Beobachtung stand, allerdings musste er meine Ernüchterung gewahrt haben. Schließlich räumte er ein, dass es jedem seiner Modelle so ergehe, ganz egal, ob Frau oder Mann, denn das eigene Bildnis sei nichts Besonderes, sondern etwas, das einem im Grunde vertraut sei, also sehe man lediglich die Farbstriche, Punkte und ein paar Formen, vielleicht noch die Umrisse der Organe, aber nichts weiter, und vor allem ergebe sich nicht das Gefühl, das man für die Kunst, für seine Kunst, unterstrich er, benötige. Er berührte mich kurz am Arm und bat mich, ihm, nachdem ich wieder angekleidet war, zu folgen. Minuten später traten wir ins Vorzimmer und er öffnete eine Tür, hinter der ich beim Vorbeigehen eine Abstellkammer vermutet hatte. Indes befand sich ein geradezu mondäner Saal dahinter, der ähnlich geräumig wirkte wie das Atelier. Im Gegensatz zu diesem befand sich keine Staffelei darin, keine Malutensilien und nicht einmal ein Möbelstück. In diesem Raum lagerten Unmengen von Bildern, die in mehrfachen Schichten an den Mauern lehnten, teilweise an den Wänden bis zur Decke hingen, wie es etwa in den Ausstellungen der Impressionisten im neunzehnten Jahrhundert ausgesehen haben musste. Einzelne Rahmen stapelten sich an mehreren Stellen auf dem Boden. Bereits dem ersten Blick entnahm ich, dass Walder in diesem Salon seine Akte aufbewahrte, zu hunderten, wie mir schien, denn nur ein kleiner Teil der Werke war gerahmt und so verbarg sich eine erkleckliche Menge aufgespannten Leinengewebes in jedem Stoß. Der Raum roch nach Ölfarbe, nach Holz, nach Firnis und kurioserweise glaubte ich auch einen ganz feinen Duft frisch gemahlener Kaffeebohnen wahrzunehmen.
Walder führte mich in die Mitte, hielt an und stellte eines der am Boden liegenden Gemälde auf, sodass ich es betrachten konnte. Zunächst fielen mir ähnliche anatomische Einzelheiten auf wie bei meinem eigenen, ein unterschiedlicher Farbton und ein paar zusätzliche Details dort, wo ich die Bauchspeicheldrüse wähnte; schon schickte ich mich an, mich abzuwenden und den Saal zu verlassen, als mich ein in meinem Innern ziehender, ungewohnter und regelrecht schmerzhafter Druck daran hinderte. Unversehens fühlte ich mich jünger, um die zwanzig, mit dem unbändigen Wunsch aufzuleben und Abenteuer zu bestehen, aber dieser unbestimmte Schmerz störte die Empfindung zunehmend, wurde immer beißender und schob sich in den Vordergrund. Mir wurde schwindlig, ich berührte meine Stirn und bemerkte, dass Walder meinen Arm ergriffen hatte und mir half, mich auf den Boden zu setzen. Die aufkommende Übelkeit verschwand augenblicklich, als Walder die Darstellung wieder zurücklegte und sie damit aus meinem Blickfeld entfernte.
Sie war sehr jung, sagte er langsam, das ganze Leben noch vor sich, aber sie litt an Krebs, Pankreas; sie starb letzten Herbst, mit zweiundzwanzig.
Voll Staunen, ungläubig und die Augen blöd geweitet, starrte ich ihn an, hielt mich für weltfremd oder begriffsstutzig. Bevor ich etwas erwidern konnte, legte er den Zeigefinger über seine Lippen, trat zur Wand und holte ein kleineres Bild her. Wie zuvor entdeckte ich anfangs die medizinisch detaillierten Gefäße, ich folgte den Nervensträngen, deren Zeichnung im Grunde banal und prosaisch wirkte, als betreffe sie etwas völlig anderes, doch ich wusste, dass es um nichts anderes als Nervenstränge handelte. Und dann machte sich ein fremder Geschmack in meinem Mund breit, Kinn und Wangen fühlten sich ungewöhnlich rau an und ich glaubte über meine Körpergröße hinauszuwachsen. Ein Strom unterschiedlicher Empfindungen floss durch meinen Körper, reichte von beruflicher Anspannung, der Reflexion nach einer Vielzahl von Kundengesprächen und einer gewissen Furcht vor Rationalisierung und Stellenabbau über die Aufstellung einer Fußballmannschaft, die am Wochenende spielte, und wahrhaft gebirgige Urlaubspläne hin zu unermesslich zärtlichen Gefühlen, ich sah das Antlitz einer mir völlig unbekannten Frau, die eine komplexe Vielfalt an Emotionen auslöste, doch jählings schoss mir der Gedanke an einen zweijährigen Sohn durch den Kopf, an sein Lachen, einen schalkhaften Blick und einen netten Streich, eine Szene, wo er eine vollständig ausgepackte Tafel Schokolade mit beiden Händen hielt und wie von einer Semmel abbiss, dann etwas von Scheidung, Besuchsrecht und Anwaltsbriefen, und wieder der Sohn, diesmal in einem Becken mit Schwimmflügeln und einem Augenaufschlag, in den sich, wie mir vorkam, eine gewisse Trauer schlich. Fassungslos presste ich die Hand auf den Mund, vermochte kaum zu akzeptieren, was keinen Zweifel duldete und mich im ersten Moment, bloß aufgrund seiner unerhörten Widrigkeit dermaßen schockiert hatte: So, dachte ich, so also fühlte ein Mann?
Als Walder das Bild zurückstellte, um sich nachher umzudrehen und mich still zu betrachten, blieb ich wie erschlagen und völlig ausgelaugt auf dem Boden sitzen. Das Geheimnis des Malers gelüftet? Dabei hatte er selbst mich auf diese Spur geleitet. In unserem allerersten Gespräch hatte er die Bekanntheit seiner Aktmalerei erwähnt und jetzt erfuhr ich, durfte quasi erfahren, wie er mit dem, was er durch ein paar Pinselstriche in relativ kurzer Zeit auf die Leinwand zauberte, den Betrachter berührte, ihm etwas vermittelte, wozu mir die Worte fehlten. Nun verstand ich auch, was er zuvor gesagt hatte, dass ich bei meinem eigenen Bildnis nichts spürte, weil ich in mich selbst hineinblickte, in einen Menschen, den ich gut kenne, der mir vertraut ist und der mich selten überrascht. Die eigene Empfindung fällt nicht ins Gewicht, aber jemand anders, eine fremde Person, wirkt märchenhaft und überwältigend. Wie die Kunstkritiker diesen erstaunlichen Kniff wohl beurteilten, fragte ich mich und beschloss insgeheim, es nachzuprüfen, am besten in einer großen Bibliothek, wo sie auch ein elektronisches Suchsystem anboten, das mir erlaubte, nach Stichwörtern zu suchen, wie nach dem Namen Samy Walder. Mit ihm sprach ich jedenfalls nicht mehr darüber, ich wollte nur mehr ausreißen, aus dem Atelier hinaus, weg aus dieser Umgebung, fort von den Gerüchen und Anblicken, die ich nicht mehr aushielt. Walder behinderte mich nicht, im Gegenteil: Verständnisvoll half er mir auf, verabschiedete mich und gab mir wie zum Geleit ein Dankeschön mit auf den Weg, das er so schlicht und schüchtern vorbrachte, dass ich ungewollt lächelte. Auf der Straße angelangt rannte ich zur Hausecke vor und lehnte mich an die Wand, weil die Luft vor mir flirrte und ringsherum farbige Punkte glitzerten, die jedes Mal, wenn ich sie fixierte, genauso schnell verschwanden, wie sie aufgetaucht waren. Ich keuchte. So sehr ich mich auf das Modellstehen gefreut hatte, bedurfte ich nun der Rast, um meine Gedanken zu ordnen, um darüber nachzudenken, was mir widerfahren war, ob ich nicht einfach geträumt hatte, in die Haut von Personen zu schlüpfen, deren Akte ich anguckte. Ich blieb eine Weile stehen, um meine Atemlosigkeit in den Griff zu bekommen.
Tage später streifte ich mit Ina durch die Stadt, wir fielen in ein paar Schuhgeschäfte ein, delektierten uns an den Schaufenstern der Boutiquen und schleckten danach an den größten erhältlichen Eisstanitzeln, die wir uns, wie wir lachend festhielten, ganz sicher verdienten. Von meinem beunruhigenden und gleichzeitig fantastischen Erlebnis im Atelier hatte ich ihr sehr wenig verraten und dafür in der Zwischenzeit ein paar Zeitschriften ausgehoben, um mich in die Kunstkritiken einzulesen. Ich wähnte mich noch nicht gefestigt, meiner Freundin, der ich sonst alles anvertraute, jedes Detail zu erzählen, und dennoch hatte sie mich bei meinen spärlichen Bemerkungen wie eine Märchentante angesehen. Ich ahnte, dass nur ein realistisches Beispiel, eine von den geheimnisbeladenen Darstellungen selbst, in der Lage wäre, ihr beizubringen, wovon ich jede Nacht träumte. In einer verwinkelten Seitengasse kamen wir zufällig an einer Kunstgalerie vorbei, deren Auslagen meinen Blick anzogen. Auf einmal hielt ich inne. Hinten in der Ecke hing ein verfremdeter Akt, dessen Konturen durch die Scheibe stark verschwammen. Dennoch erkannte ich Walders Pinselstrich, fasste Ina am Ärmel und zog sie in die Pinakothek. Was, wenn es diesmal nicht funktionierte?, grübelte ich still, doch meine Befürchtung zerstob alsbald; wie wir vor dem Bild standen, in dessen Mitte tiefrote, fein verästelte Arterien rankten, beschlich ein beängstigendes Gefühl meinen Körper, die Unsicherheit einer kaum erwachsenen Frau, das Fiebern nach Unabhängigkeit und Loslösung, aber auch die Wonne der ersten Liebe, die unverdorbene Zärtlichkeit, die mehr Fiktion denn Erfahrung war, und eine gerade noch jugendliche Enttäuschung. Gleichzeitig roch ich den Duft frisch geriebener Kaffeebohnen und des dampfenden Getränks. Ich fragte Ina, ob sie es spürte, und sie nickte, zögernd und mit vor Überraschung aufgerissenen Augen, stumm und fassungslos vor Entsetzen und gleichzeitiger Anerkennung. Sie stieß hervor, dass sie meine bruchstückhaften Beschreibungen als eine Art Alptraum aufgefasst habe, als Verwirrung der Sinne, die ich mit der Wirklichkeit verwechselte, als eine durch meinen Schalk überzogen dargestellte Schimäre, als einen Schmäh. Doch jetzt zweifelte sie beinahe an ihrer eigenen Zurechnungsfähigkeit, witzelte sie und vertiefte sich schweigend in den Anblick des Ölgemäldes. Das daneben angebrachte Schild trug den Namen Sabrina und ich sinnierte, ob sie zur Familie des Malers gehörte oder ob er sie ebenfalls in der Öffentlichkeit angesprochen hatte; vielleicht in der Innenstadt, auf einem Fest, vielleicht sogar im Beisein ihrer Eltern. Ich murmelte, das erkläre, warum Walder ausschließlich für seine Aktmalerei Preise und Auszeichnungen erhalte und Berichte von Vernissagen die Landschaften und Stillleben mit keiner Silbe erwähnten.
Etwa eine halbe Stunde später verließen wir die Galerie und setzten uns in ein Kaffeehaus. Ich schilderte Ina, was sich in Walders Wohnung zugetragen hatte, woher der feine Geruch von Kaffee rührte und wiesehr mich die im Anschluss ans Malen hergezeigten Akte nicht nur beeindruckt, sondern regelrecht aus meiner Bahn geworfen hatten. Welche Kommentare ich in Kunstzeitschriften überflog, teilte ich ihr ebenso mit wie eine Reihe biografischer Einzelheiten, über die ich bei meinen Nachforschungen gestolpert war. Der Künstler entpuppte sich mehr und mehr als enigmatisches Phänomen, das uns zwar faszinierte, aber auch bedrohlich erschien. Daher entschieden wir, diese unglaubliche Episode für uns zu behalten und auch, dass ich niemals wieder für einen Maler posieren würde.
Wenige Jahre später geriet der Name Samy Walder ein zweites Mal in mein Bewusstsein. Ich schmökerte in einer amerikanischen Tageszeitung, da ich infolge eines Auftrags einen Monat in New York verbrachte. Es war eine Todesanzeige. Über den Maler, der in seinem letzten Lebensabschnitt vor allem in den USA Furore gemacht hatte. Walder war mitten in der Arbeit gestorben, beim Anfertigen des Porträts eines Mannes, dessen Namen das Blatt zwar druckte, der aber offensichtlich nach dem kolportierten Ereignis verschwunden und möglicherweise inzwischen außer Landes war. Aus diesem Grund gab es kein polizeiliches Einvernahmeprotokoll; da jedoch keinerlei Hinweise auf Unregelmäßigkeiten oder gar ein Verbrechen existierten, wurde dem Verschwinden dieser Person keine weitere Aufmerksamkeit gewidmet. Ich legte die Zeitung auf den Tisch und hing meinen Überlegungen nach. Verblüffenderweise tat es mir leid, ich empfand sogar ein wenig Trauer, obwohl ich außer dieser einzigen Begebenheit nichts mit dem Maler gemein hatte. Der zitierte Name des Porträtierten kam mir hingegen bekannt vor. Vielleicht ja nur eine Namensübereinstimmung oder gar eine Ähnlichkeit, indes wurde ich das Gefühl nicht los, dass ich über den Herrn schon einmal gelesen hätte. Irgendwie zog es mich in Richtung Geschichte, österreichische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, oder auch deutsche, es lag mir beinah auf der Zunge und trotzdem vermochte ich keine Assoziation herzustellen. Meine Bücher lagerten natürlich daheim in Wien, also blieb mir lediglich das Internet. Ich lud eine gängige Suchmaschine und tippte den Namen ein, den die Gazette abgedruckt hatte. Auf den Seiten von Universitätsinstituten für Zeitgeschichte und Einrichtungen, die sich mit Nationalsozialismus beschäftigten, wurde ich fündig: Jener Mann, den Walder zuletzt gemalt hatte, war eine Persönlichkeit des nazistischen Terrors gewesen, noch dazu eine nicht unbedeutende, wie ich bald eruierte: mutmaßliche Beteiligung an Deportationen und Erschießungen von Juden in Ungarn; lediglich aufgrund der Tatsache, dass seine Verantwortung niemals bewiesen werden konnte, war er ungeschoren geblieben. Samy Walder hatte ihn gemalt, wahrscheinlich ohne seine Identität zu kennen. Ich stellte mir vor, welche Organe auf der Leinwand prangten, das Herz allenfalls in schwarzer Farbe – nein, das grenzte ans Makabre –, aber ich begann zu verstehen, dass all die Gefühle, die ein solches Gemälde vermittelte, zuerst vom Maler selbst, und von ihm vermutlich besonders unmittelbar und stark, empfunden wurden. Tatsächlich hatte ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Mit einem Mal bedauerte ich, mich damals so rasch zurückgezogen zu haben. Es tat weh, dass ich es nicht der Mühe wert befunden hatte, tiefer in eine hochgradig nonkonformistische Kunstschöpfung einzutauchen und anlässlich einer Folgesitzung – denn aus der Einmaligkeit hätte gewiss mehr werden können – ein wirklich offenes Gespräch zu führen, um etwas über den Menschen zu erfahren, über sein Leben, von dem ich gerade ein paar Eckdaten, quasi ein Nebenprodukt meiner Recherchen, kannte. Versunken schüttelte ich den Kopf, ganz leicht nur, als ärgerte ich mich nachträglich über meine eigene Unzulänglichkeit, und ein paar Minuten später erhob ich mich, um mir in der Küchennische eine Schale italienischen Mokka zuzubereiten, denn den brauchte ich jetzt.
(in: die Rampe, Linz 2005)