Notruf
Warum es ausgerechnet ein anderer Planet sein musste, wollte niemand beantworten, doch es führte wohl kein Weg daran vorbei, so klar lagen die Beweise seiner Existenz. Das Haus stand an der Straßenecke, weißgetüncht, die Architektur so, wie man sie von amerikanischen Vororten kennt, und gleich gegenüber, auf der anderen Straßenseite, wohnte eine arabische Familie, die erst kürzlich dort eingezogen war. In gewisser Weise suchten wir ja nach einem Ausweg, doch zweifelten wir nicht daran, dafür noch eine ganze Weile zu brauchen. Am Nachmittag schnappte Serena schließlich ihre Tuchent und stapfte hinüber zum Haus der Nachbarn, von denen wir noch immer nicht so recht wussten, ob sie uns wohlgesonnen waren oder heimlich an einer Bombe bauten. Serena wollte bei ihnen übernachten, weil ihr der Lärm in unserem Haus unerträglich geworden war, immerhin hatte Theo, völlig sinnlos, sogar die Kreissäge angeworfen, nur um ihr Kreischen zu hören, das er genüsslich als Schnurren abtat. Das halb versunkene Bullauge befand sich hingegen auf einem anderen Himmelskörper, mitten im Ozean schwimmend, dessen sattblaue Farbe auf mich völlig unnatürlich wirkte. Das Fensterglas ragte zur Hälfte aus dem Wasser, obwohl es wiederholt von sanftem Wellengeplätscher überspült wurde. Dahinter glaubte ich zwei Gesichter zu erkennen, Theos und mein eigenes, und wir blickten hinaus, schrien – anscheinend völlig tonlos – und klopften an die Scheibe, wollten irgendjemanden auf unsere missliche Situation aufmerksam machen, damit er uns helfe. Den Zusammenhang zwischen dem Bullauge und dem in der Sonne hell glänzenden Haus gelang mir nicht zu durchschauen, denn schließlich gerieten alle, die später ankommen sollten, geradewegs ins Innere des Gebäudes und nicht in das unwirkliche Meer. In der Zwischenzeit, nachdem Serena von dannen gezogen war, machte sich eine Stimmung der Verlorenheit auch in unserem Haus breit und zu dritt (ich hatte den Namen des Dritten vergessen, den ich seit Beginn unsympathisch fand) klagten wir über unser Leid und überlegten, wie wir Hilfe holen konnten, da wir auf keinen Fall die Araber anzurufen gedachten, denen wir misstrauten. Schon längst tapsten auf dem Bullauge die Möwen herum und wir erkannten, dass eine solche Anomalie wohl am besten geeignet wäre, die Aufmerksamkeit potenzieller Helfer zu erregen. Indes vermeinten wir den Effekt dramatisch steigern zu können, wenn wir es irgendwie schafften, ein paar Tropfen Blut auf das Glas zu träufeln. Diese Idee knobelten wir in einem der großen Zimmer aus, und Theo erklärte sich bereit, seine Finger aufzuschlitzen, damit wir mit seinem Blut das Bullauge bekleckerten, um endlich aus der Abgeschiedenheit auszubrechen. Der Dritte, der mir plötzlich hager und knorrig erschien, drängte an mir vorbei und wollte Theo dabei unterstützen, allerdings ergriff er ihn von hinten und stach mit einem Dolch, den er überraschend hervorzog, mehrmals in seine Seite, so tief, dass ich Niere, Leber und Lunge verloren glaubte. Erst als wir, inzwischen gerettet, über einen technisch ungeklärten Korridor, der an die Sternentore einer Fernsehserie erinnerte, quasi als Touristen ins Haus zurückkamen, ja es vielfach überströmten, um unseren Erinnerungen nachzuhängen, und mit einem Mal Theos Sohn vor mir stand, wusste ich, dass sein Vater nicht überlebt hatte. So war es letztendlich sein Opfer gewesen, das uns aus dem eigenartigen Karzer herausgeholt hatte. Immer neue Besucher drängten nach und zwangen uns zurückzuweichen. Inmitten der vielen Menschen versuchte ich danach Serena wiederzufinden, denn seit sie zu den Arabern gegangen war, um dort die Nacht zu verbringen, hatte ich sie nicht mehr gesehen.
(in: Lose, Edition Nove, Neckenmarkt 2007)