Papierflieger
Stille. Wie lange ich hier bin, kann ich nicht sagen; ich habe keine Uhr. Die Fäuste in den Manteltaschen, ziehe ich die Schultern hoch und senke das Kinn in den Schal. Es ist schon eigenartig, wie viele Jahre man reden kann, ohne den Sinn der Worte wirklich zu verstehen. Was bedeutet denn ein Schritt zurück? Als du davon gesprochen hast, kannte ich dich kaum.
Ich glaube, es zieht mich in alle Richtungen; ich lasse mich treiben, schließe die Augen und versuche, alles um mich herum zu vergessen. Mir ist nicht bekannt, welcher Weg der richtige ist. Du meintest, ich schaue weg, und ich weiß, du hattest Recht.
Mein Blick ist nach oben gewandt, als käme von dort eine Lösung, und nicht einmal, wenn ich die Augen verschließe, stolpere ich. Der Schnee dämpft jeden Schritt und gleichzeitig höre ich das dumpfe Knarren, wenn die Kristalle von meiner Sohle zusammengedrückt werden.
Was du in meinen Augen gesehen hast, kommt mir in den Sinn. Mit einem Lied sprachst du es an und mit Worten, mit Gesten und deinem Blick, den ich, das ist mir jetzt bewusst, nicht zu mir lassen wollte. Noch immer weiß ich nicht, wer von uns beiden irrte.
Oft wünsche ich mir, ich wäre ein Papierflieger. Dann flöge ich über deinem Kopf, um dich zu begleiten. Ich sähe, was du tust, wüsste, wie es dir geht, und fühlte, was du fühlst. Nichts hielte mich auf, weder Sturm noch Regen. Ich wäre ein ganz besonderer Papierflieger, denn nichts könnte mich hindern, bei dir zu sein.
Nicht wissend, wohin ich mich wenden soll, mit dem Gefühl, nichts von alldem beendet zu haben, und verzweifelt darüber, noch immer am Anfang zu stehen, halte ich an. Erst als der Wind so scharf über die Böschung bläst, dass meine Wangen zu frieren beginnen, bemerke ich, dass ich viel zu lang schon vor einem Grab stehe.
(in: Lose, Edition Nove, Neckenmarkt 2007)