verfressen
Hatte sie tatsächlich ein angenehmes Blitzen in seinen Augen gesehen, eines, das ihr keine Furcht einflößte, sondern ganz im Gegenteil ihr Interesse herausforderte, ein drängendes Begehren schuf, das sie alle mühsam erlernten Regeln mit einem Schlag missachten und vergessen ließ, spielte es wirklich keine Rolle, dass sie noch am Vorabend geschworen hatte, niemals wieder einem Mann nachzugeben, sich von seinen Worten einlullen zu lassen und auf seinen zugegeben aufregend heißen Wunsch einzugehen, ihre Haut zuerst mit den Fingerkuppen und danach mit den Lippen zu betasten, zu berühren, zu liebkosen, lag es etwa an ihrer Wankelmütigkeit, an der unverhohlenen Gier nach den winzigen Stimulationen und Erregungen verhaltener Gespräche und deren unmittelbaren Folgen, dass sie an ein Fortgleiten dachte, an ein Voranschwimmen im Strudel der alltäglichen Wirrnisse, besaß sie in der Tat ein Gespür für das lodernde Züngeln eines Verlangens und die einladenden Gesten, die sich zwar nur versteckt abzeichneten, aber gewiss real waren, und stand ihr der Sinn nach einem neuen Risiko, einem ungeahnten Wagnis, das sie schon wieder, gerade jetzt, und wie es aussah, auch zukünftig, von den Wolken, die in ihren Träumen schwebten, herunterzerrte und an die Kandare nahm, obwohl ihr Gegenüber nun den Kopf schräg legte, ein abgründiges Grinsen aufsetzte, ihr lange in die Augen sah und schließlich, so als hätte er lange darüber nachgedacht und die Vorgangsweise für adäquat befunden, die gespitzte Zunge entgegenstreckte?
(in: Auf der Kippe, Arovell Verlag, Gosau 2008)